Wikimedia und der neue Kreislauf des Wissens – Bericht vom Wikimedia CH-Roundtable-Gespräch in Lausanne 

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Auch ohne sich vom Hype um generative KI mitreissen zu lassen, lässt sich erkennen, dass diese Wikipedia grundlegend verändert. Die Anzeichen sind bereits sichtbar und werden durch zwei Kennzahlen aus dem Jahr 2025 deutlich: Ein Rückgang des menschlichen Datenverkehrs um 8 % und ein Anstieg der Bot-Aktivität um 50 %. KI liest nicht nur intensiv Wikipedia – sie ersetzt die Online-Enzyklopädie als Schnittstelle zum Wissen. Wie sich diese Trends entwickeln werden, wissen wir nicht. Was wir wissen, ist, dass Wikipedia einen Höhepunkt in der Nutzung erreicht hat und gleichzeitig einem enormen Risiko gegeübersteht.

Im November 2025 organisierte Wikimedia CH in Zusammenarbeit mit Open Future und der IMD Business School, Lausanne, einen Runden Tisch, um die daraus resultierenden Fragen zu diskutieren und eine fundierte Antwort auf den Aufstieg der generativen KI zu finden. Die Veranstaltung basierte auf zwei zentralen Überlegungen:

  1. Die Debatte sollte sich nicht auf das Thema der Bearbeitung von Wikimedia mit KI-Tools beschränken.
  2. Es sollten Experten von ausserhalb des Wiki-Movements an der Diskussion teilnehmen: Datenwissenschaftler, KI-Entwickler, Journalisten und Forscher.

Der Bericht über die Diskussionsrunde wurde kürzlich veröffentlicht. Dieser Schritt ist Teil einer von Wikimedia CH für 2026 geplanten Initiative zur Definition einer „Wikimedia und KI”-Mission, die die Erarbeitung von Sinnzusammenhängen und Prognosen, die Erstellung einer Roadmap für die technologische Entwicklung und die aktive Gestaltung der KI-Governance umfasst.

Die Geschichte zweier Intelligenzen

Unsere Untersuchung basierte auf dem Konzept der kollektiven Intelligenz, das vom französischen Philosophen Pierre Lévy populär gemacht wurde. Es handelt sich dabei um die kognitiven Fähigkeiten, die entstehen, wenn Menschen zusammenarbeiten. Sie sind vom Menschen gesteuert, schöpfen aus vielfältigen Wissensquellen und profitieren von Dezentralisierung und Vielfalt.

Kollektive Intelligenz ist das, was vor 25 Jahren bei Wikipedia entstanden ist und seitdem die treibende Kraft hinter den Projekten ist. Dieses Konzepts half, die Spannung zwischen der Produktion von Wikimedia als Gemeingut des Wissens und der Entwicklung generativer KI-Technologien herauszuarbeiten. Ersteres basiert auf menschlicher Zusammenarbeit, Dialog und Vielfalt. Letzteres ist zentralisiert, monolithisch und maschinenbasiert.

Der Unterschied zwischen den beiden Intelligenzen bedeutet nicht, dass KI nicht zur Unterstützung von Wikimedia genutzt werden kann. Und trotz dieser Unterschiede gibt es kein Zurück: Es gibt kein plausibles Szenario, in dem der Einfluss der KI vermieden werden kann. Der Weg nach vorne besteht darin, die beiden Intelligenzen zu kombinieren – und dabei Wikimedia weiterhin menschenzentriert zu halten.

Die Herausforderungen des neuen Wissenskreislaufs

Web-Traffic-Daten zeigen, dass Wikimedia zunehmend verdrängt wird: Nutzer holen sich Wissen, das sie zuvor aus Wikipedia bezogen haben, zunehmend aus KI-Diensten. Die Situation ist jedoch komplex, da diese Dienste auf Inhalten von Wikimedia-Plattformen basieren, aber keinen Traffic auf diese lenken.

Dies sind Anzeichen für einen neuen Kreislauf des Wissens, in dem KI-Dienste eine Schlüsselrolle beim Zugang zu Wissen spielen werden. Das Wikimedia-Movement muss schnell entscheiden, welche Rolle es in diesem Ökosystem einnehmen möchte. Möglicherweise hat Wikipedia zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 2026 den Höhepunkt erreicht. Weiteres Wachstum und die Fähigkeit, die Mission der Wissensgerechtigkeit zu verfolgen, sollten nicht als selbstverständlich angesehen werden.

Wenn das Wikimedia-Movement die Rolle der Wikipedia als weltweit wichtigste Wissensplattform erhalten möchte, muss es eine viel aktivere Rolle bei der Gestaltung dieses neuen Ökosystems spielen. Dazu muss es über die Grenzen der Wikipedia-Projekte hinausblicken, eine Ökosystem-Perspektive einnehmen, die Auswirkungen der KI auf das gesamte Ökosystem verstehen und sich nicht nur auf die Folgen für die Beitragenden und Leser von Wikipedia konzentrieren.

Der Bericht der Diskussionsrunde befasst sich ausführlich mit diesen Herausforderungen und behandelt die Paradoxien der offenen Struktur, die Rolle von Wikipedia als Gemeingut von Daten owie die Unterschiede zwischen öffentlichem und privatem Wissen.

Vom Verständins zum Handeln

Bei der Diskussionsrunde zeigte sich einer der Teilnehmer überrascht über das fehlende Gefühl der Dringlichkeit unter den Wikimedia-Beitragenden. Sie müssen sich doch bewusst sein, dass die Plattform in einigen Jahren ihre Leser verlieren oder gar nicht mehr existieren könnte, erklärte er uns. Sie können sich nicht länger als Wegbereiter oder Disruptoren betrachten – heute sind es sie, die mit dem Risiko einer Verdrängung durch KI konfrontiert werde. Die fehlende Erfahrung mit radikalen Veränderungen (wie sie beispielsweise Journalisten erlebt haben) und das Gefühl der Einzigartigkeit von Wikipedia können sich als Nachteile erweisen.

Um dem entgegenzuwirken, muss das Movement an gemeinsamen Massnahmen im Namen der Wissensgemeinschaft beteiligen. Die Organisation ist gross genug, um das neue Ökosystem mitzugestalten, sollte aber auch von der Unterstützung vieler anderer Organisationen profitieren.
Aus der Diskussionsrunde gingen mehrere klare Leitlinien und Grundsätze hervor:

– Die Unterscheidung zwischen menschlichem und maschinellem Zugang, Produktion und Nutzung von Wissen ist von entscheidender Bedeutung.

– Die Governance-Regeln für den neuen Kreislauf des Wissens müssen die Nachhaltigkeit der Wissensgemeinschaft unterstützen.

– Das Wikimedia-Movement muss sich an der Entwicklung normativer KI-Alternativen beteiligen, wie beispielsweise Open-Source-KI-Modelle.

Wikimedia CH wird in Kürze einen Entwurf für ein Weissbuch veröffentlichen, in dem seine Vision für die Rolle von Wikimedia in der KI-Entwicklung und im neuen Wissenskreislauf dargelegt wird. Wir laden ein, sich an diesen Bemühungen zu beteiligen. Wir benötigen eine gemeinsame Mission, um kollektive Intelligenz für das Zeitalter der KI neu zu definieren und sicherzustellen, dass die Wissengemeingüter von Wikimedia fortbestehen.  

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