Als Wikipedian in Residence am österreichischen Verfassungsgerichtshof

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Thomas Planinger, the author. Photo by Manfred Werner ("Tsui"), CC BY-SA 4.0.
Thomas Planinger, the author. Photo by Manfred Werner (“Tsui”), CC BY-SA 4.0.

Bei vielen Dingen im Leben rentiert es sich, sie von Zeit zu Zeit unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten. So verhält es sich auch mit dem Engagement der Wikimedia-Community im GLAM-Bereich. Es ist nicht so, dass die bisherigen GLAM-Kooperationen nicht erfolgreich gewesen oder unbefriedigend verlaufen wären, ganz im Gegenteil. Irgendwann kommt aber für jedes erfolgreiche Projekt der Punkt, an dem über den Tellerrand hinausgeblickt und neues Terrain erforscht werden sollte. Im Fall von GLAM habe ich diesen Schritt im vergangenen Sommer gewagt und mir auch die Freiheit herausgenommen, dies durch die Bezeichnung „GLAM+“ zum Ausdruck zu bringen.

Erstmals wurde nämlich im vergangenen Sommer ein Wikipedian in Residence außerhalb einer der klassischen Gedächtnisinstitutionen – Galerien, Bibliotheken, Archive und Museen – beschäftigt. Zum ersten Mal traute es sich eine Institution außerhalb des Kulturbereiches zu, einen Wikipedianer ins Haus zu holen, ihm ihre Bestände zu öffnen und mit ihm gemeinsam am Verständnis für freies Wissen zu arbeiten. Diese Institution war bezeichnenderweise keine, die auf Öffentlichkeitswirksamkeit angewiesen ist, sondern vielmehr eine, deren Sinn für Diskretion und Vertrauenswürdigkeit Maßstäbe setzt und wesentlich zu ihrem Grundauftrag dazugehört. Es handelte sich um den österreichischen Verfassungsgerichtshof.

Der Verfassungsgerichtshof der Republik Österreich ist eines von drei Höchstgerichten in Österreich und das einzige zur Verfassungsgerichtsbarkeit berufene Gericht des Landes. Es ist damit etwa vergleichbar mit dem Supreme Court der Vereinigten Staaten oder dem Bundesverfassungsgericht in Deutschland. Eine öffentliche Institution also, die höchstrichterliche, letztinstanzliche Urteile spricht und dabei in ihrem beinahe hundertjährigen Bestehen vielfach mit ihren Erkenntnissen österreichische Zeitgeschichte geschrieben hat. Zuletzt schaffte es der Verfassungsgerichtshof etwa in die internationalen Schlagzeilen durch die Aufhebung der Bundespräsidentenwahl in Österreich im Sommer 2016, kurz vor dem Beginn der Tätigkeit als Wikipedian in Residence. Wie passt nun eine solche Institution in ein Konzept, das den freien Zugang zu Wissen vermitteln möchte?

Wie bereits beschrieben, gehört es zu den Wesensmerkmalen eines Gerichts (zumindest nach mitteleuropäischem Verständnis), dass den Verfahrensbeteiligten gegenüber Diskretion gewahrt und gleichzeitig bzw. dadurch bedingt größtmögliches Vertrauen der Bevölkerung in diese Institution gesetzt wird. Für ein Höchstgericht gilt das umso mehr, da die Erkenntnisse eines solchen in aller Regel nicht mehr weiter bekämpfbar sind und somit eine abschließende Rechtsprechung erfolgt. Solche Gerichte haben in aller Regel rechtlich keinen allzu großen Handlungsspielraum, wenn es darum geht, sich zu aktuellen Verfahren zu äußern oder gar Außenstehenden Einblicke in Akten und Dokumente zu gewähren.

Genau das macht die Arbeit als Wikipedian in Residence bei einer solchen Institution aber besonders spannend: Zu eruieren, welche Dokumente und Dateien zugänglich gemacht werden können, gleicht einer Schatzsuche auf unbekanntem Terrain. Dank der großartigen Unterstützung durch den Leiter der Bibliothek des Verfassungsgerichtshofs, Dr. Josef Pauser, konnte diese Suche aber sehr erfolgreich durchgeführt werden und dabei auch einige Schätze zutage fördern, deren weitere Nutzung hochinteressant werden könnte. Darunter befinden sich etwa Bilder aller aktueller Verfassungsrichter sowie der VfGH-Mitglieder der vergangenen Jahre, es konnten aber auch Akten und Bücher zu längst abgeschlossenen, historisch wie rechtswissenschaftlich interessanten Fällen aus den 1920er-Jahren eingesehen werden, die auch keiner datenschutz- und archivrechtlichen Beschränkung mehr unterliegen. Gerade die Geschichte des Verfassungsgerichtshofs stellte sich als wahre Goldgrube hinsichtlich frei verwendbarem Material bzw. Recherchematerial heraus und wurde daher auch leidlich genutzt, um in Zusammenarbeit mit dem Verfassungsgerichtshof dessen Geschichte in der deutschsprachigen Wikipedia aufzuarbeiten.

Nach zwei Monaten der Beschäftigung als Wikipedian in Residence am Verfassungsgerichtshof stehen in nackten Zahlen als vorläufiges Ergebnis die Freigabe von 41 Fotos aus dem Bestand des VfGH unter einer Creative Commons Lizenz (Dank gebührt hier auch dem Haus-Fotografen Achim Bieniek), die Neuerstellung von 17 biographischen Artikeln zu ehemaligen und aktuellen Mitgliedern des VfGH, die komplette Überarbeitung der Geschichte der Verfassungsgerichtsbarkeit Österreichs sowie die Neuanlage eines Überblicksartikels über sämtliche Mitglieder des VfGH seit dessen Gründung 1919. Besonders letzterer ist hervorzuheben, da es eine solche tabellarische Gesamtübersicht in dieser Form bislang weder in der Literatur noch im Internet und schon gar nicht frei abrufbar gab.

Beflügelt von den bisherigen Erfolgen unserer Schatzsuche am Verfassungsgerichtshof und der positiven und interessierten Rückmeldungen der Mitarbeiter am Gericht, denen im Rahmen einer Info-Veranstaltung das Konzept sowie die Wikipedia allgemein ausführlich vorgestellt wurde, ist es nicht auszuschließen, dass die Kooperation in den nächsten Jahren fortgesetzt wird. Dann warten so spannende Aufgaben wie die Erstellung eigener Artikel zu bedeutsamen VfGH-Erkenntnissen mit Einblicken in die damaligen Akten auf den Wikipedian in Residence. Und wer weiß? Vielleicht fühlen sich irgendwann auch andere öffentliche Institutionen angesprochen, einen Wikipedian in Residence ins Haus zu holen und mit ihm gemeinsam die Schatzsuche nach freiem Wissen zu beginnen? Denn eines hat das Konzept GLAM+ meines Erachtens nach jetzt schon gezeigt: Wissen, das freigesetzt werden kann, ist überall vorhanden. Man muss nur bereit sein, danach zu suchen und ein Auge dafür haben, um es zu erkennen. Wissensinstitutionen sind eben nicht nur Galerien, Büchereien, Archive und Museen, sondern auch Institutionen, die auf den ersten Blick nicht wie solche wirken.

Thomas Planinger, Deutsche Wikipedia administratoren

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